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Abschied nach über 70 Jahren: Onkel Toms Reisebüro und Lotto verlassen die Ladenstraße.

Abschied nach über 70 Jahren: Onkel Toms Reisebüro und Lotto verlassen die Ladenstraße.

26. März 2021

Ende 1948 oder Anfang 1949 – auf den Tag genau können es Angela von Bonetzky und Peter Behling nicht sagen – eröffnete ein gewisser Dr. Böttcher in einem kleinen einachsigen Geschäft in der Ladenstraße sein Reisebüro. Von Anfang an gehörte die Lotto-Annahmestelle, die übrigens die älteste Berlins ist, mit dazu. Das heißt, damals gab es Lotto noch nicht. Es begann mit TOTO, der Fußballwette. Fußball und Reisen gehörten zu den neuen Freiheiten und Vergnügungen, die nach den Schrecken des Krieges im Wirtschaftswunder-Deutschland eine wichtige Rolle spielten.

Mit wachsendem Wohlstand erfüllten sich immer mehr Deutsche den Wunsch nach Reisen in ferne, Länder. Und auch das Glücksspiel boomte. Mit sechs Richtigen im Lotto lässt sich schließlich der Traum von noch viel mehr erfüllen: dem eigenen Haus, dem Auto oder der neuen Schrankwand fürs Wohnzimmer. So wuchs auch das Reisebüro von Dr. Böttcher und schon bald mietete der Inhaber eine zweite Ladenfläche hinzu. Da die Menschen nun auch wieder ins Kino, ins Theater oder ins Konzert gingen, wurde bald auch noch eine Theaterkasse ins Reisebüro integriert.

Angela von Bonetzky

Angela von Bonetzky ist als Glücksfee in der Lottoannahmestelle von Onkel Toms Reisebüro seit 38 Jahren dabei. Peter Behling übernahm zusammen mit seinem Partner Christian Wüstefeld das Reisebüro von Dr. Böttcher im Jahr 2003 und war damit 18 Jahre lang, an 6 Tagen in der Woche, für alle Reisewünsche seiner Kunden da. Angela von Bonetzky übernahmen die neuen Inhaber 2003 gleich mit. Die Handelskauffrau ist seither auch für die Buchhaltung des Reisebüros zuständig gewesen.

Der Abschied von ihrem Geschäft fällt beiden schwer. „Wir hatten in all den Jahren ein hervorragendes Betriebsklima“, sagt Angela von Bonetzky. Und Peter Behling fügt hinzu: „…und hatten gehofft, in drei Jahren gemeinsam den Schlüssel umdrehen zu können.“ Dann nämlich geht Peter Behling in Rente. Corona hat diesem Plan ein Ende gesetzt. Die in den letzten Jahrzehnten rasant expandierende Reisebranche liegt am Boden und bietet dem Reisebüro in Onkel Toms Ladenstraße keine Geschäftsgrundlage mehr.

Peter Behling erinnert sich: Waren es in den 50er und 60er Jahren vor allem Reisen in die Mittelmeerländer – angefangen mit Bella Italia – dann Spanien und Griechenland, zog es die Wohlstandsdeutschen bald auch in fernere Länder. Vorzugsweise in die exotischen Länder Südostasiens. Schon mit Beginn der 60er Jahre ging es mit den Kreuzfahrtschiff-Reisen los. Die wurden in den 2000er Jahren immer mehr. Peter Behling verzeichnete eine Zunahme an Kreuzfahrten von 50 bis 60 Prozent.
Fuhr man in den 70er und 80er Jahren noch viel mit dem Bus oder der Bahn in den Urlaub, so ging man in den 2000er Jahren lieber in die Luft. Die Billig-Airlines ermöglichten es auch weniger Betuchten, sich mindestens einmal im Jahr einen All-Inclusive-Urlaub nach Malle, auf die Kanaren oder gar in die Karibik zu leisten.

Obwohl jeder im Internet seinen Flug inzwischen selber buchen und sich auf den entsprechenden Plattformen den billigsten raussuchen konnte, schätzten viele Kunden doch die Vorzüge der individuellen Beratung in ihrem Reisebüro. Große Einbußen hatte das Reisebüro, das stets das Vollsortiment von Bahnfahrten, Linienbussen und Flügen angeboten hat, durch die Online-Buchungen nicht. Die Kund:innen aus dem näheren und weiteren Umfeld, buchten neben Kreuzfahrten auch Studien- oder Wander- oder Radreisen verschiedenster Art und wussten die professionelle Beratung von Peter Behling stets zu schätzen.

Klimawandel oder gar „Flugscham“ haben an dem Wunsch zu Reisen und zu Fliegen wenig geändert, meint Peter Behling. Erst durch Corona im März letzten Jahren kam der Einbruch. Reisen, die für den Urlaub 2020 gebucht waren, wurden reihenweise storniert. So geht es bis heute. Wer hoffte, vielleicht Ostern noch irgendwo hin reisen zu können, kommt jetzt an den letzten Tagen noch in Onkel Toms Reisebüro, um auch diese Buchungen zu stornieren. Für 2022 hat Peter Behling allerdings wieder einige Reisebuchungen. Diese Kunden will er aus seinem Homeoffice weiter bedienen und wer ihn persönlich sehen will, kann sich mit ihm in der DERPart Filiale am Bayerischen Platz verabreden.
Die Zukunft der Reisebranche schätzt der Reisefachmann eher negativ ein. „Test und Quarantäne schrecken viele Leute ab.“

Angela von Bronetzky, die Ende des Jahres in Rente geht, wird vielleicht manchmal bei Telemediapoint aushelfen. Inhaber Ömer Kapzik wird ab Juli die Lottoannahmestelle übernehmen. Immerhin bleibt Berlins ältestes Lottogeschäft der Ladenstraße auf diese Weise erhalten. Darüber sind die Kunden – vornehmlich ältere Menschen – die befürchtet hatten, auf ihren geliebten Lottoladen ganz verzichten zu müssen, froh. Ihre stets freundliche und zugewandte Glücksfee werden sie allerdings nicht mehr sehr oft zu Gesicht bekommen. Angela von Bronetzky, die im Waldhüterpfad wohnt, wird aber dennoch öfter in der Ladenstraße zu treffen sein. „Ich bin Lokalpatriotin“, sagt sie. Und „Zehlendorf ist ein Dorf“, wo man sich kennt, wo zwischen Geschäften und Kunden keine Anonymität herrscht, wo menschliche Beziehungen immer noch eine große Rolle spielen.

Wir danken Angela von Bronetzky und Peter Behling, dass sie zum prima Klima in Onkel Toms Ladenstraße all die Jahre so viel beigetragen haben.

Peter Behling können Sie jederzeit
telefonisch unter 0157 381 87206 und
per E-Mail: onkel-tom@derpart.com erreichen.
Persönliche Beratungen sind in der Filiale am Bayerischen Platz 9 möglich.