Geschichte

Die erste Shopping-Mall mit U-Bahn-Anschluss

Mitte der zwanziger Jahre kaufte der Sommerfeld-Konzern große Flächen im Südwesten Berlins. Adolf Sommerfeld wollte den rationellen Wohnungsbau in stadtnahen Siedlungsgebieten forcieren und arbeitete mit den Architekten Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Salvisberg zusammen. Problem dabei war die Verkehrsanbindung. Es fuhr nur ein Solowagen der U-Bahn bis zum Endbahnhof Thielplatz.

Sommerfeld-Konzern baut U-Bahn

Dann bot der Sommerfeld-Konzern kostenloses Gelände und eine Baukostenübernahme für eine oberirdische Verlängerung der „U”-Bahn bis Krumme Lanke an. Damit bekam Berlin praktisch 3 km U-Bahn geschenkt – und Sommerfelds Land konnte bebaut werden. Die komplett neue U-Bahn-Strecke wurde 1929 eröffnet – inklusive dem Bahnhof Onkel-Toms-Hütte mit den beiden Kopfgebäuden von Alfred Grenander. Später, nach dem Bau der Wohnhäuser, wurde der Bahnhof nach Zeichnungen von Otto Salvisberg durch die Ladenpassagen an beiden Längsseiten ergänzt, dazu noch das „Onkel-Tom-Kino”. Diese Passagen stellen bis heute das Nahversorgungszentrum der Onkel-Tom-Siedlung dar.

Züge im Schummerlicht

Mit dem Krieg begann eine turbulente Zeit für die Ladenstraße. Das Licht wurde fast ausgeschaltet, Schaufensterbeleuchtung ganz verboten, Züge fuhren im Schummerlicht. Noch einschneidender die Situation nach dem Krieg: Nach einem für die Bewohner sehr schwierigen Intermezzo der Besatzung durch Russen folgten die Amerikaner. Das Militär zäunte die Ladenstraße ein und sie durfte bis Dezember 1946 nur von amerikanischem Militärangehörigen und deren deutschen Zivilangestellten betreten werden, ebenso auch das Kino. Die Geschäftsleute wichen auf Provisorien im Umfeld aus: Garagen und Bretterbuden, die auch auf der Argentinischen Allee standen. Mittelfristig waren die kleinen Läden aber unattraktiv für die Amerikaner, die damals schon andere Einzelhandelskonzepte kannten. Sie bauten das große Zentrum „PX” an der Clayallee und räumten danach die Ladenstraße.

Aufschwung nach dem Krieg

Für die Läden begann nach der Blockade 1948 eine Zeit stetigen Aufschwungs. Zwar wechselten die kleinen, gleichförmigen Läden häufig die Besitzer, aber insgesamt konnte sich die Ladenstraße als Nahversorgungszentrum behaupten. Später mussten aber doch einige Läden zusammengeführt werden, um zu größeren Einheiten zu kommen und die klare Struktur der einheitlichen Gestaltung rückte in den Hintergrund. Das Kino schloss und beherbergt heute einen Discounter.
Mittlerweile ist die Ladenstraße fast 90 Jahre alt. Für so lange Zeit war sie nicht konzipiert und hat sich doch mit vielen Metamorphosen immer wieder dem Markt gestellt. Der gleichmäßige Rhythmus der einheitlichen Läden entsprach schon damals mehr dem Kostendenken der Bauherren als den Erfordernissen des Handels nach unterschiedlichen Flächengrößen an einem Standort.

Die Discounter kommen

Nach Krieg und Blockade kam bald die Discounter-Welle. Mit Verkaufsflächen bis zu 500 qm konnte die Ladenstraße noch mithalten – z.B. durch Umwandlung des Kinos. Der Kofferraumkunde, der mit der Massen-Motorisierung in Einkaufzentren und Shopping Malls fuhr – ausgestattet mit Parkplätzen und Tiefgaragen – war nicht die Zielgruppe der Ladenstraße. Schließlich lag sie direkt neben einem U-Bahnhof. Doch die Nutzung der U-Bahn-Linie brach dramatisch ein und ÖPNV-Nutzer wurden die vier „A“: Alte, Arme, Ausländer, Auszubildende. Alle anderen Verkehrsnachfrager fuhren Auto und nahmen ihre Kaufkraft mit.
Aber die Ladenstraße fand ihre Nische. Die Vielzahl der Läden brachte einen großen Branchenmix mit sich, der heute vom Discounter bis zum höherwertigen Lebensmittelanbieter und Inhaber geführten Fachgeschäften reicht.

Zurück zu den Wurzeln und nach vorn

Mit dem demografischen Wandel: Senioren kaufen häufiger, wollen Service und persönlichen Kontakt, haben differenzierte Nachfrage und kaufen hochwertiger und mit dem einsetzenden Zuzug junger Leute nach Dahlem passt das neue „alte“ Nachfrageprofil wieder bestens zur Ladenstraße. Trotz oder gerade wegen der zahlreichen, immer gleichen Shopping Malls und des anonymen Online Shopping mit seinen ökologischen und sozialen Folgen erlebt die Ladenstraße eine Renaissance. Ihre kleinen, meist Inhaber geführten Geschäfte sind beliebter denn je. In Zeiten der Krise schätzt man die U-Bahnanbindung und die Fahrradfreundlichkeit des Standortes. Zugleich ist die Ladenstraße auch ein kleines „Gründerzentrum“: die kleinen Läden ermöglichen Existenzgründern einen Start mit begrenztem Risiko.

Mehr über die Geschichte der Ladenstraße erfahren Sie durch die Ausstellung auf den Schaufenstern von nahkauf und auf den Monitoren in den Schaufenstern von Fahrrad Lippke und dem Bruno Taut Laden – beide in der Ladenstraße Nord.